Sommer auf Rügen (2)

Regina Zölis warf sich wütend auf das Hotelbett und trommelte mit ihren Fäusten auf das Kopfkissen ein. Sie war einfach zu bescheuert! Wieso hatte sie nicht damals, vor einem Monat einfach das Geld eingeschoben und sich aus der Angelegenheit verabschiedet? Aber nein: sie war einfach zu neugierig gewesen und musste ihr Näschen in Dinge stecken, die sie nichts angingen und auf die sie keinen Einfluss hatte.

Natürlich war ihr nicht entgangen, dass ihr der Kommissar nicht abgenommen hatte, dass sie den Toten erst am Tag des Mordes kennengelernt habe. Und mit seiner Frage nach der Reinkarnation hatte er sie völlig aus der Bahn geworfen. Woher konnte der Inspektor wissen, wie erschrocken sie war, als sie diesen Sander auf der Hotelterrasse getroffen hatte? Er hatte sie doch nicht schon vorher beobachtet?

Jedenfalls würde nun alles herauskommen und sie würde ihr sorgsam geplantes, komfortables Leben ändern müssen. Bei diesen Gedanken stieg der jungen Frau erneut eine blutrote Wolke des Zorns auf sich selbst ins Gehirn. Sie war eine dumme Ziege!


Regina Zölis war fünfundzwanzig Jahre alt, schlank, aber durchaus mit einer weiblich gerundeten Figur gesegnet. Ihr Vater hatte sie immer ein hübsches Ding genannt, und sie war auch noch stolz darauf gewesen; jedenfalls bis zu dem Tag, an dem ihr Vater nachts betrunken in ihr Zimmer gekommen war. Aber sie war ja danach sofort ausgezogen, siebzehn Jahre alt war sie damals gewesen, und hatte sich ihr Leben selbst eingerichtet. Perfekt eingerichtet, wie sie es sich immer wieder selbst bestätigen zu müssen glaubte.

Fräulein Zölis, auf das Fräulein legte sie selbst großen Wert, lebte alleine in einer geräumigen Eigentumswohnung in einer bevorzugten Wohngegend der Stadt. Sie hatte einen überschaubaren Freundeskreis, aus dem nur eine einzige Person das kleine, schmutzige Geheimnis Reginas kannte. Genau genommen teilten Regina Zölis und ihre Freundin Mona Isenberg das gleiche Geheimnis. Beide Frauen verdienten nämlich ihr Geld durch Prostitution.

Als sie sich kennengelernt hatten, wunderte sich Regina über die Leichtigkeit, mit der die jüngere Mona durchs Leben ging. Schöne Wohnung, neues Auto, immer schick angezogen, ob dem Mädchen ihre Eltern diesen Lebensstandard finanzierten?
Als sie die Freundin darauf ansprach, sah ihr Mona ins Gesicht und antwortete nach einer Schweigepause: Das kannst du auch haben, Gina. Du brauchst nur ab und zu nett zu älteren Männern zu sein.

So war es dann auch gekommen. Regina Zölis ließ sich von ihrer Freundin Mona die ersten Freier zuführen, allesamt vermögende Männer über fünfzig, für die Mona selbst einfach keine Zeit mehr hatte. Im Grunde, so argumentierte Regina vor ihrem eigenen Gewissen, war sie gar keine richtige Prostitutierte. Die meisten Kunden waren doch schon zufrieden, wenn sie von einer jungen, hübschen Frau begleitet wurden, die ihre Tochter hätte sein können. Wenn sie vor ihren Freunden oder Geschäftspartnern ein bisschen angeben konnten. Wenn sie die eigene Eitelkeit befriedigen durften, indem sie sich selbst vormachten, die gleichen tollen Hechte geblieben zu sein wie zwanzig oder dreißig Jahre zuvor.

Die ihr zugedachte Rolle bei solch öffentlichen Auftritten spielte Regina Zölis am besten und zur größten Zufriedenheit ihrer Kundschaft fast immer in einem etwas zu kurzen und etwas zu knappen, schwarzen Kleid, schwarzen Nylonstrümpfen mit Naht, sowie hochhackigen und ebenfalls schwarzen Stöckelschuhen. Ihre Auftraggeber und deren Begleitschaft verzehrten sich lüstern nach dem hellen Mädchenfleisch, das kontrastreich aus den engen, mehr betonenden als verhüllenden Kleidungsstücken drängte.
Übrigens war zu vielen Gelegenheiten mehr nur als einer ihrer Freier anwesend. Da Regina Zölis neue Kunden ausschließlich über Mund-zu-Mund-Propaganda akquirierte, kannten sich viele der Kunden untereinander. Und so bezahlte oft einer die Frau, während zwei oder drei andere ihrer direkten Bekanntschaften als mehr oder weniger stille Nutznießer dabei saßen.

Die junge Frau stellte fest, dass das Drängen der männlichen Kundschaft um so stärker wurde, je weniger sie sprach. Blondes Dummchen oder verheißungsvolle, stille Schönheit? Sie wusste den Grund nicht zu benennen. Ebenfalls dem allgemeinen Begehren förderlich waren jedenfalls Ergänzungen in Form einer schwarzer Hornbrille und eines Stenoblocks, auf dem sie Notizen machte, als protokolliere sie die Gespräche der anwesenden Herren. Dies schien dem Anspruch der Herren an Dominanz oder Kontrolle zu entsprechen.

Für solche Privilegien bezahlten Reginas Kunden Preise, die ihr den Lebensstil ermöglichten, den sie pflegte. Für das Finanzamt war Regina Zölis Studentin, für ihre Freunde mimte sie eine Eventmanagerin, die ihrem Beruf eben recht oft in den Abendstunden oder über mehrere Tage und Nächte hinweg nachgehen musste.

Sexuelle Gefälligkeiten in Form von Beischlaf, Hand- und Mundarbeit, oder gar außergewöhnlicherer Formen geschlechtlicher Dienstleistungen forderten ihre Freier eher selten ein. Verbalerotiker waren gewiss alle ihre Kunden. Wann immer Regina tatsächlich alleine mit ihnen war, geilten sie sich an Geschichten über sexuelle Begegnungen mit ehemaligen Geliebten oder Ehefrauen auf, die zumindest arg übertrieben waren, wenn sie nicht gar vollständig der Fantasie der Erzähler entsprangen. Reginas Aufgabe bestand dann oftmals darin, einfach nur in einem Hotelzimmer auf und ab zu gehen, mit laut auf dem Fußboden klackernden Absätzen, manchmal im schwarzen Kleid, manchmal aber auch nackt bis auf Strümpfe und Schuhe. Die in ihren eigenen Erzählungen aufgehenden Freier gaben sich meist damit zufrieden, ihre Beute zu begucken und zu begeifern, schlimmstenfalls einmal ihr jugendlich festes Fleisch zu begrapschen und zu kneifen.

Falls es doch einmal zu sexuellen Handlungen kam, dann erledigte die junge Frau solche rein mechanisch, ohne groß Aufhebens darum zu machen. Ganz so nah wollte sie das auch gar nicht an ihr Inneres herankommen lassen. Sie war keine Hure, sie war ein Callgirl. Diesen Begriff hielt Regina Zölis für akzeptabel, errötete aber stets, wenn in ihrem Freundeskreis Zoten gerissen wurden und von Nutten, Huren, Votzen und Dirnen die Rede war. Dass ihre roten Wangen bei solchen Gesprächsthemen eine Folge von Ärger waren, ahnten die Freunde nicht. Sie hielten die schöne Regina für prüde und witzelten angesichts des fehlenden Freundes gerne über die ihr bevorstehende Zukunft als alte Jungfer. Am lautesten von allen lachte in solchen Fällen stets die gute Mona Isenberg.


Alles in allem mochte Regina Zölis ihr Leben sehr und sie ärgerte sich ungeheur, dass die Kriminalpolizei in der Folge ihrer unglücklichen Beteiligung an einem Mordfall nun wohl so lange in ihren Geheimnissen herumstochern würde, bis alles publik wurde und sie, Regina, alle Freunde, Kunden und viel Geld verlieren würde.

Das Verhängnis hatte seinen Lauf vor einem Monat genommen. Sie war vom Büro des Kreiskrankenhauses angerufen worden. Ihr Onkel, ein gewisser Herr Steiner, liege im Sterben und bitte um ihren letzten Besuch. Natürlich hatte Regina gar keinen Onkel, mit dem sie noch Kontakt gehabt hätte, erst recht keinen Onkel mit dem Namen Steiner. Aber sie kannte sehr wohl einen Constantin Steiner. Der war ihr ältester Kunde, inzwischen wohl über achtzig Jahre alt.
Ein bisschen sentimental willigte die junge Frau ein, Herrn Steiner besuchen zu kommen. Sie mochte den Alten ganz gerne, nicht zuletzt deshalb, weil er in all den Jahren noch kein einziges Mal sexuelle Dienste eingefordert hatte. Sie würde ihm den erbetenen Gefallen tun.

Im Krankenhaus war sie erschrocken über den körperlichen Verfall von Constantin Steiner gewesen. Er hatte in den wenigen Wochen, in denen sie sich nicht gesehen hatten, mindestens die Hälfte seines früheren Körpergewichts verloren und sah sie aus übergroßen, tief in den Höhlen liegenden Augen an. Sie hielt seine Hand, als er mit leiser Stimme zu sprechen begann: Regina Zölis, meine Himmelskönigin. Obwohl mir das manchmal sehr, sehr schwer gefallen ist, habe ich dich in den vergangenen fünf Jahren immer als die Tochter behandelt, die ich nie hatte. Deshalb sollst du zwei Dinge von mir als Vermächtnis erhalten. Zum einen ist das ein bisschen Geld. Der Alte grub mit zittrigen Fingern nach einem Umschlag unter seinem Kopfkissen. Zum zweiten, liebe Regina, bitte ich dich darum, das Bahnticket nach Rügen zu verwenden, das du im Kuvert finden wirst. Dort ist ein Hotelzimmer für dich gebucht, Datum und Anreisedetails findest du ebenfalls im Umschlag. Im Hotel wirst du dich mit einem Mann treffen. Er wird dich erkennen und ansprechen. Tu mir diesen letzten Gefallen, Himmelskönigin.


Selbstverständlich wäre es vernünftig gewesen, das Gespräch zu vergessen, nachdem Constantin Steiner drei Tage nach Reginas Besuch gestorben war. Sie hätte die zwanzigtausend Euro auf ihr Konto einzahlen und den Rest der steinerschen Erbschaft dem Altpapier zuführen sollen. Aber sie war neugierig gewesen. Zu neugierig. – Ein Zimmer in einem Strandhotel auf Rügen, gebucht für zwei Wochen? Warum nicht? Ein fremder Mann, den sie dort treffen sollte? Vielleicht ein Sohn oder sonstiger Verwandter des Verstorbenen?

Sie würde das herausfinden, dachte sich Regina Zölis und hatte sich zwei Tage zuvor, am Donnerstag, auf den Weg gemacht. Den ganzen Freitag über hatte sie auf den angekündigten Fremden gewartet. In jedem männlichen Wesen hatte sie den Kontaktmann vermutet, hatte dem einen oder anderen viel zu lange ins Gesicht gestarrt, so dass sie in der Tat angesprochen wurde. Die Beweggründe dieser Männer wurden ihr jedoch jedes Mal nach wenigen Minuten klar. Am Samstagmorgen hatte sie schließlich ein Mann auf ihrem Weg zum Frühstück auf der Terrasse angesprochen.

Als sie ihn sah, wusste sie sofort, dass er der Gesuchte war. Er war Constantin Steiner wie aus dem Gesicht geschnitten, wenn auch nur höchstens halb so alt wie ihr dahin geschiedener Freier.

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