Sommer auf Rügen (6)

Natürlich war es vollkommen verrückt, auf das Angebot dieses Jungen einzugehen. Vernünftig wäre es gewesen, Carl Sturm in der Bar seinen Briefumschlag zurückzugeben und sich auf niemals Wiedersehen zu verabschieden. Aber Regina Zölis war schlichtweg zu neugierig. Sie wollte herausfinden, was es auf sich hatte mit den Beziehungen zwischen dem alten Steiner, dem ermordeten Sander und diesem so bestimmt auftretenden Sturm.

Also verstaute Fräulein Zölis den Liebeslohn im Zimmersafe, zwängte sich in das enge, zu kurze schwarze Kleidchen, an dessen Saum die Enden der Strumpfhalter hervorlugten, stieg in die hochhackigen Schuhe und legte ihre Kriegsbemalung auf. Am Tresen der Hotelbar wurde sie von Carl Sturm bereits mit einem Glas Champagner empfangen. Die Augen des jungen Mannes glänzten, als sie auf ihn zustöckelte. Auch ihr eigener Atem ging rascher: Einen so jungen Kunden hatte sie noch nie bedient.

Doch Sturm schien es gar nicht eilig zu haben, ins Bett zu kommen. Trotz seines unverhohlenen Interesses an Reginas Äußerem wirkte er erstaunlich beherrscht. Zunächst zeigte er sich beeindruckt von der Pianistin, die als Hintergrundmusik in der Bar Songs von George Gershwin zum Besten gab. Carl Sturm bedachte jedes der Stücke mit ausgiebigem Applaus und kommentierte die Interpretation der Musikerin, die ihn an die junge Masha Dimitrieva erinnere. Wer auch immer diese Masha sein mochte, dachte Regina Zölis, der Kerl ist doch viel zu jung für solche Beurteilungen. Was stimmt nicht mit ihm?
Nach dem Begrüßungsglas schenkte Sturm noch einmal nach und begann nun an Regina gewandt leise zu sprechen, so dass sie sich anstrengen musste, ihn zu verstehen: Constantin Steiner ist ein brillanter Kopf. Er hat genau gewusst, was er tat, als er seine Entdeckung für sich selbst nutzte, statt sie in der Öffentlichkeit kaputt reden zu lassen, in der vagen Hoffnung, eines Tages Ruhm und Ehre zu ernten. Nur einen Fehler hat er begangen. Er hat zu wenige seiner Überzeugungen an seinen Erben weitergegeben. Das wäre beinahe schief gegangen. Aber zum Glück hat er es mit meiner Hilfe geschafft, die Angelegenheit noch in letzter Minute gerade zu biegen. Jetzt ist er am Ziel seiner Wünsche angelangt.
Regina Zölis wunderte sich ein wenig, dass Sturm von Steiner in der Gegenwartsform sprach. Er wusste doch, dass der alte Mann tot war. Aber sie schaffte es nicht, nachzufragen. Ihr Mund war trocken, als hätte sie den ganzen Tag nichts getrunken. Mit einem Zug leerte sie ihr zweites Glas, doch statt die erhoffte Erleichterung zu spüren, begann sich die Bar vor ihren Augen zu drehen.

Wie durch einen zähen, watteartigen Nebel watete sie durch das Foyer, den Arm über die Schulter Carl Sturms gelegt. Er führte sie in den Aufzug und oben in ihr Zimmer, wo er Regina sanft auf das Bett legte. Ihre Augenlider waren schwer wie Blei und sie konnte nicht sehen, warum es ihr nicht gelang, sich auf die Seite zu drehen und die Knie nach oben an den Bauch zu ziehen, um zu schlafen. Sie lag blind, mit schwindendem Bewusstsein rücklings auf dem Bett, Arme und Beine wie auf ein Andreaskreuz genagelt von sich gestreckt. In einer letzten Woge der Anstrengung spannte Regina Zölis ihren Körper, als ihr enges Kleid von der Brust bis zum Becken aufzuplatzen schien und kühle Luft über ihren glühenden Körper strich. Danach verlor sie das Bewusstsein.


In der Hotellobby saß Marietta Krüger versunken in einem tiefen Ledersofa. Als dieser junge, gut aussehende Kerl die sturzbesoffene Frau Zölis an ihr vorbeigeschleift hatte, senkte die Polizistin die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, und sah den beiden nach. Sie hatte die Zölis anders eingeschätzt, viel beherrschter. Und doch ließ sich diese Frau einfach zulaufen und abschleppen. Vielleicht aber vertrug sie einfach keinen Alkohol? In jedem Fall war es sinnlos, weiter hier herumzusitzen und auf eine Gelegenheit zu warten, die Zeugin, die sie jetzt fast zwei Stunden lang beobachtet hatte, unter vier Augen zu sprechen. Kommissarin Krüger legte die Zeitschrift zur Seite und verließ das Hotel. Bevor sie in den Wagen stieg, sah sie noch einmal hinauf zum Fenster der Zölis. In diesem Moment wurde dort oben das Licht gelöscht, und ein paar Sekunden lang war das Flackern von Kerzenlicht hinter der Fensterscheibe zu sehen, bevor die Vorhänge zugezogen wurden.
Marietta seufzte. Sie selbst hätte sich gewiss nicht derartig besoffen, wäre sie in Begleitung des jungen Mannes gewesen. Andererseits war sie sich der traurigen Tatsache bewusst, dass sie im Kleid der Zölis und mit derart gewagtem Make-Up einfach nur lächerlich ausgesehen hätte.

In dem Moment als die Polizeibeamtin erneut seufzte und den Motor anließ, schlitzte Carl Sturm oben im Zimmer mit einem einzigen Skalpellschnitt das Kleid von Regina Zölis von oben bis unten auf. Er ärgerte sich, als an zwei Stellen zwischen den Brüsten und unterhalb des Nabels ein paar Blutstropfen aus der hellen Haut der Hure sprangen. Er musste behutsamer zu Werk gehen.

Warum?

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